Roland Austinat ist freier Journalist, einigen wohl bekannt aus PC-Player-Zeiten oder aktuell noch von den Podcast-Kollegen der Spieleveteranen. Seit einigen Jahren ist Roland jedoch auch für viele namhafte Spiele als Übersetzer und Lektor tätig und hat zum Beispiel an Fallout 4, The Witcher und Skyrim mitgearbeitet. Darüber unterhalten wir uns im heutigen Podcast um zu fragen: Was macht eigentlich ein Spiele-Übersetzer? Wie funktioniert Spielelokalisation? Natürlich geht es auch um dazugehörige Fragen und Herausforderungen, die beim Transfer aus Fremdsprachen auftauchen. Wie deutscht man gesellschaftliche „Insider-Gags“ und auf die nationale Popkultur bezogene Themen ein? Passt man sie an das deutsche Humorverständnis an, oder bleibt man nah am Quellmaterial, auch wenn dann den Witz niemand mehr versteht? Was passiert bei Gedichten oder Reimen? Wie wichtig ist Lippensynchronität? Und wie wird man überhaupt Übersetzer? Dies und mehr im Podcast:

  • Da ist man gerade mit dem Spieleveteranenpodcast durch und da beglückt einen Roland bei Insert Moin. :)

    Hat mich ausserdem gefreut, dass die Soundprobleme aus den vorherigen paar Manu-Aufnahmen hier nicht mehr anzutreffen waren. Apropo Soundprobleme: Das ist eine Sache, die Manus Punkt absolut unterstützt, also dass auf dem Weg durchaus etwas „verloren“ gehen kann.
    Bei Fallout New Vegas hatte man als Deutscher, dem eine Deutsche Version aufgezwungen war (cut und deutsch only), schon so einen Leichten Haß bekommen, wenn man das „Making Of“ geschaut hat, in dem beschrieben wurde, wie viel Mühe man sich bei der Vertonung gegeben hat, welche tollen Sprecher man hat und wie stark mit den Entwicklern zusammengearbeitet wurde.
    Das Video hatte sich natürlich nur auf die englische Version bezogen. Bei der Deutschen kam man von einer Schlamperei in die nächste. Dazu hatte ich vor Jahren mal ein kurzes Video zusammengeschnitten:
    https://www.youtube.com/watch?v=5OOmQFIGM8M
    Seitdem hatte ich mir dann auch keine Bethesda Spiele (und damit meine ich Skyrim) mehr auf Deutsch gegeben. Wobei die Lokalisierung von Skyrim ja ganz gut geworden zu sein scheint. Fallout 4 habe ich hier noch ungespielt stehen, werde ich dann wohl erstmal eine Chance auf Deutsch einräumen.

    Weiteres Negativbeispiel wäre Pillars of Eternity, wo massiv viele Fehler zu finden waren (schon die Gegenstände hatten größtenteils kaputte namen), gleichzeitig das Format zerschossen wurde, und die Antworten haben nicht zum Text davor gepasst…
    Auch dort hatte ich einige Highlights zusammengestellt. Allerdings in Bildform:
    http://ndnw.net/no-hp-stuff/POE.jpg

    Zu Lokalisierungsphänomenen an sich: Manu hatte ja das Beispiel von Spock genannt. Nun schaue ich zwar kein Star Trek, aber ich habe etwas sehr ähnliches bei House MD beobachten können. Dort wurde aus einem ernsten Charakter und dem trockenen Humor und Sarkasmus in der Deutschen Version eine Witzfigur mit hoher Stimme. Zerstört den ganzen Charme des Charakters.
    Es gibt aber eben auch Positivbeispiele: „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“. Da sind zwar auch der eine oder andere Witz zerstört, andererseits hat es wohl auch den deutschen Sprachgebrauch etwas mitgeprägt, da man sich für das „Dude“ die kreative Übersetzung „Hoschi“ gewählt hat.
    Und dann wären da natürlich die Bud & Spencer Filme. Bei denen anscheinend die Übersetzungs-Crew einfach gemacht hat, was sie für richtig hielt ohne sich groß Anweisungen zu befolgen.

    Schlussendlich ist es natürlich immer eine Fall zu Fall Entscheidung.

  • André

    Die Daumenregel, wenn man die Sprache auf ausreichendem Niveau beherrscht, ist es besser ein Spiel in der Originalsprache zu spielen, halte ich für richtig. Das hat aber mehr mit der Produktion zu tun, als dass es ein inhärentes Problem von Übersetzung ist. Es ist durchaus so, dass man an den Autoren näher dran ist, wenn man deren eigene Worte rezipiert. — Vielleicht was Manu meinte. — Nur wenn man ehrlich ist, gibt es wenige Spiele, die Sprache so kunstvoll verwenden, dass dieser Wunsch nach Nähe wirklich ein starkes Motiv ist. Nichts desto trotz diese gibt es auch.

    Meistens, wie gesagt, sind es aber die Produktionsbindungen, die dazu führen, dass die Daumenregel gilt. Der Vergleichspunkt: Ein literarischer Übersetzer arbeitet nur mit Lektoren, ggf. dem Autor, zusammen. Je nachdem wie stark sich diese einbringen, kontrolliert der Übersetzer fast das gesamte abgeschlossene Werk, in jedem Fall den Text, und damit alle Aspekte des Übersetzungsergebnis, jedes Wort, im Wesentlichen also das sprachlich neugeschöpfte Werk.

    Spiele sind dagegen komplexe Kollaborationen. Man merkt es einem Spiel ja auch an, wenn zwei Jahre lang an der Engine gebastelt wurde und ein halbes Jahr vor Release jemandem einfällt, dass man einen Autor bräuchte, der „mal“ eine Story dazu schreiben soll. Gehen davon aus es läuft besser und Text / Vertonung und andere Spielelemente beeinflussen sich gegenseitig. Die Übersetzung ist hier meistens nicht eingebunden. Spielübersetzer können im Gegensatz zur literarischen Übersetzung immer nur einen Teil des Werkes in der eigenen Sprache neuschöpfen. Ich will das jetzt auch nicht überbewerten, am Schattenwurf auf eine Figur gibt es nichts einzudeutschen, aber eben die vielen Kleinigkeiten, die ihr auch erwähnt habt, Platz im User Interface usw. Kurz gesagt, die Übersetzung ist meistens mehr auf Kompromisse angewiesen als der Originaltext.

    Nun könnte man einwenden, aber immerhin findet die Übersetzung von Spielen meistens während der Entstehung statt. Das ist bei literarischer Übersetzung fast nie der Fall. Allerdings würde ich sagen, das ist kein Vorteil. Wie ausgeführt, die Einbindung bedeutet sehr selten Einfluss auf den Prozess. Sie dient dazu, dass die Übersetzung möglichst zeitnah zur Fertigstellung abgeschlossen ist. Das heißt, man kann nicht das Werk als Ganzes auf sich wirken lassen. Ich glaube die besten Übersetzungen, die in der Zielsprache etwas Neues schaffen, sind diejenigen, die die Zeit hatten, sich mit dem Original auseinanderzusetzen und auf seiner Gesamtwirkung aufgebaut haben. Die Übersetzung von Spielen hat diesen Luxus heute oft nicht durch Verfügbarkeit der Originale in Kombination mit entweder Konsumentendruck oder PR-Hype, je nachdem wie man das sieht.

    Wie gesagt, es ist eine Daumenregel und es gibt sicherlich Beispiele, wo die Übersetzung besser ist, und sicherlich auch viele, wo der Unterschied nicht groß ist. Andererseits sage ich mir: Die Übersetzung ist für die Leute, die die Originalsprache nicht sprechen. Es gibt genug Sprachen, wo ich auch dazu zähle, warum soll ich bei denen, wo das nicht der Fall ist, auf die Übersetzung zurückgreifen? Weil ich das als Nicht-Muttersprachler den Übersetzern schuldig bin? ;)

    Und bitte, 90% aller Komunikation ist nicht nonverbal. Das ist ein verbreitetes Missverständnis bzw. die Verkürzung der Arbeiten von Albert Mehrabian, wo es um affektive Anteile der Kommunikation geht, nicht um beliebige Inhalte. Einfach mal nach „7% rule myth“ suchen.

  • Erik

    Ich mag Filme, die auch als Hörspiel funktionieren, da gilt die 90/10-Regel natürlich nicht. Bei Action-Filmen mögen die 90/10 zutreffen – lest mal die engl. Untertitel von Blade von 1998 …
    Es gibt richtig gute Synchronisierungen, bei denen man das Gefühl hat, dass auch kleineste Nuancen übertragen wurden. Nuancen, die man nur als Muttersprachler hört. Ich habe allerdings den Verdacht, dass diese Nuancen gar nicht übertragen wurden, sondern einfach von guten Schauspielern eingebracht wurden, die ihre Synchro-Szenen neu „geschauspielert“ haben.
    Generell sind große Kinofilme ziemlich gut synchronisiert, nur bei Animationsfilmen greift
    man leider immer auf tagesaktuelle B-Prominenz zurück, statt richtige Sprecher/Schauspielern zu nehmen. Ganz schlimm sind TV-Serien, die von Privatsendern synchronisiert werden. Die Stimmen werden mit Sprechern besetzt, die halt gerade frei sind, der Raumklang stimmt nicht, die Übersetzung ist vom Fließband.Es gibt auch richtig gute Synchros, die einfach nicht passen, wenn z.B. ein Tierarzt durch Yorkshire fährt und die Bauern in der dt. Version statt Yorkshire-Bauern-Dialekt perfektes Theaterhochdeutsch sprechen. Und die unglücklichen Versuche soziale oder regionale „Dialekte“ ins Deutsche zu retten sind ja ein Kapitel für sich …

  • Gallandro

    Danke für den schönen Podcast! Nach einiger Zeit wieder eine Folge, die mich sehr angesprochen hat. Auf die angesprochene Kolumne demnächst bei Gamersglobal bin ich gespannt.

    Ich persönlich habe ein reichlich schizophrenes Verhältnis zu Synchros: ich kann Star Wars nicht auf Englisch sehen, es klingt für mich „falsch“; ich kann aber auch nicht Game of Thrones auf Deutsch sehen aus dem gleichen Grund. Meine „Erstbegegnungssprache“ sozialisiert mich da deutlich.

    Spiele bevorzuge ich meistens (Ausnahme z.B. Kotor 1+2, Mass Effect mit FemShep) auf Deutsch und ärgere mich in letzter Zeit darüber, dass die Lokalisierungen in letzter Zeit meinem Eindruck nach an Boden verlieren und z.B. Pillars of Eternity und Divinity Original Sin kein deutsches „Voice Over“ bekommen haben – beide unter anderem aus diesem Grund bei mir noch nur auf der Wunschliste. Und die sogenannten Übersetzungen von Paradoxspielen (Crusader Kings 2, Europa Universalis IV) sind nur gemoddet erträglich.
    Ich freue mich, wenn es ein Spiel in D auch in Englisch gibt, ich ärgere mich, wenn es das nicht auch auf Deutsch gibt.

  • Schönes Thema, über das ich mich auch oft mit prätentiösen, elitären Freunden streiten muss, die unreflektiert immer nur in den Raum schmeißen, dass lokalisierte Versionen pauschal immer schlechter sind.

    PS: Schaut doch lieber „Silicon Valley“ statt dem grausig Nerd-feindlichen „Big Bang Theory“.

    • Torben

      Ich find Big Bang nach wie vor super! ?

      Ist ja auch nachvollziehbar, dass sich die Rollen entsprechend dem vorangeschrittenen Alter der Charaktere weiterentwickeln müssen. Wäre ziemlich unglaubwürdig wenn die vier noch das Leben aus der ersten Staffel führen würden. Außerdem sollte man als Nerd – die wir hier wohl alle sind ? – der Serie dankbar sein, dass die unser Nerdtum mittlerweile so gesellschaftsfähig gemacht hat.

      PS: SV ist natürlich auch sehr gut, halt was ganz anderes.

  • Christian

    Schönes Thema, die generelle Diskussion wird wohl nie aufhören.
    Und es wird immer wieder neue Beispiele für und gegen diese Arbeit geben.
    Finde es aber immer noch richtig gut, dass diese „Jobs in der Branche“ so oft hier thematisiert werden! Das ist für Außenstehende sonst immer sehr schwer vorstellbar und da liefert IM einfach wirklich gute Aufklärungsarbeit!

  • Orphois

    Schöne Podcast über ein Thema, das einen doch immer wieder beschäftigt. Ich selbst spiele sehr
    gerne Videospiele auf Englisch, so wie auch Filme und Serien, da ich die Qualität der Sprecher einfach meistens als besser empfinde. Die Originalsprache, wenn nicht Englisch, finde ich interessant (beispielsweise Japanisch), aber im Gegensatz zu Filmen, die vielleicht zwei Stunden dauern, bei Videospielen auf Dauer ehrlicherweise zu anstrengend.

    Wenn es aber in die Diskussion geht, finde ich es die Entscheidung von jedem selbst, wie er einen Film, eine Serie oder ein Videospiel rezipieren möchte. Überlegenheitsgefühle sind mir fremd, auch wenn ich dem Argument von Manu mit der Originalität durchaus folgen kann. Gleichzeitig akzeptiere ich den Punkt, dass eine Übersetzung bzw. eine Lokalisierung auch aus künstlerischen Aspekten durchaus einen Eigenwert haben kann.

    Aber und das ist mir wirklich wichtig: Ich möchte nicht „gezwungen“ werden ein Spiel auf Deutsch zu spielen, egal wie viel Mühe in die Lokalisation geflossen ist und egal wie qualitativ gut sie ist. Ich möchte die Wahl haben, Spiele beispielsweise auf Japanisch, Englisch oder Deutsch spielen zu können (ja genau Ihr seid gemeint Bethesda und Xbox 360). Besonders in Zeiten der Bluray fehlen mir die Ausreden einer fehlenden (oft englischen) Tonspur.

    Außerdem gibt es noch zwei praktische Punkte: Ersten, Spiele mit unterschiedlichen Sprachen. Mein letztes Beispiel Wolfenstein The New Order musste ich auf Deutsch spielen (da aus anderen Gründen in Deutschland nur so erhältlich), was mir dann doch einiges an Atmosphäre geraubt hat. Zweitens, der Import von Spielen in Europa. In Frankreich, wo ich öfters bin, bin ich trotz Recherchen schon ein paar mal richtig auf die Schnauzte gefallen. Letzte Beispiele Fallout 3 und Modern Warfare 3 für die PS3. Diese sind nur auf Französisch spielbar. In Deutschland ging es mir so mit Dishonored.

    Natürlich gibt es auch meistens keinen Hinweis auf der Packung, ob eine englische Tonspur zusätzlich vorhanden ist und die Diskussionen und Datenbanken im Internet sind auch nicht immer hilfreich. An dieser Stelle ein großes Lob an Nintendo, die oft mit einem einfachen Symbol auf die Mehrsprachigkeit ihrer Spiele hinweisen (5in1), zumindest beim Nintendo 3DS.

Insert Moin © 2017