Mitte der 90er war das Point-and-Click-Adventure eigentlich auf seinem Höhepunkt und trotzdem zugleich schon auf dem Weg in die Nische. Ein gutes Beispiel dafür ist Toonstruck. Es erscheint 1996, kostet ein kleines Vermögen in der Produktion und kombiniert handgezeichnete Cartoons mit einem echten Menschen: Christopher Lloyd, vielen als Doc Brown aus Back to the Future bekannt, steht buchstäblich mitten in dieser Zeichentrickwelt und spielt den ausgelaugten Animator Drew Blanc, der an zu vielen „Fluffy Fluffy Bun Bun“-Hasen fast zerbricht.

Im Spiel wird Drew in seine eigene Schöpfung hineingezogen und landet in Cutopia, einem Reich aus Zuckerguss, das gerade von Count Nefarious und seiner Malevolator-Maschine in eine verzerrte Cartoon-Hölle verwandelt wird. Gemeinsam mit Sidekick Flux Wildly stolpert er durch quietschbunte Screens, löst klassische Inventar-Rätsel und trifft auf eine beeindruckende Riege an Sprecher*innen. Von Dan Castellaneta bis Tim Curry, den viele von euch als Killer-Clown ES oder aus Command & Conquer kennen (ja, das ist der Typ mit der dreckigsten Lache ever :D). Das Ergebnis wirkt heute wie eine Mischung aus Roger Rabbit, LucasArts-Humor und einem leicht zynischen Blick auf die Animationsindustrie: technisch ambitioniert, stellenweise herrlich albern, mit gelegentlicher „Moon-Logic“ im Puzzle-Design.

In unserer Retrospektive sprechen Wolfram und Micha darüber, warum Toonstruck trotz Star-Besetzung und aufwendiger Produktion kommerziell scheiterte, wie sehr der Humor gealtert ist und wieso die Fanhoffnung auf mehr als nur einen simplen Re-Release bis heute nicht ganz tot ist. Außerdem geht es um Christopher Lloyds Performance, Flux als vielleicht heimlichen Star des Spiels und die Frage, ob Toonstruck 2026 eher als kuriose Fußnote oder als unterschätzter Genre-Höhepunkt dasteht.

Shownotes

  • Akers, C. L. (2013). The Rise of Humor: Hollywood Increases Adult Centered Humor in Animated Children’s Films (Masterarbeit). Brigham Young University.
    Verfügbar unter: https://scholarsarchive.byu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=4723&context=etd
  • Bakhtin, M. M. (1994). Folk Humor and Carnival Laughter. In: P. Morris (Hrsg.), The Bakhtin Reader. London: Edward Arnold. (Original veröffentlicht ca. 1965).
    Verfügbar unter: https://www.academia.edu/6936801/Bakhtin_Folk_Humor_and_Carnival_Laughter
  • Lee, H. J. (2013). All kids out of the pool!: Brand identity, television animations, and adult audience of Cartoon Network’s Adult Swim (Dissertation). University of Iowa.
    Verfügbar unter:
    https://iro.uiowa.edu/esploro/outputs/doctoral/All-kids-out-of-the-pool/9983776710402771
  • Marek, A. (2018). Animating Adulthood: Emotional Resonance, Affective Quality, and the Human Condition in Adult Animated Television – An Examination in Theory, Viewership and Practice (Masterarbeit). Concordia University.
    Verfügbar unter: https://spectrum.library.concordia.ca/983648/14/Marek_MA_S2018.pdf
  • McCauley, C., Woods, K., Coolidge, C., & Kulick, W. (1983). More aggressive cartoons are funnier. Journal of Personality and Social Psychology, 44(4), 817–823.
    Abstract u.a. unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6842367/
  • Gómez Ponce, F. A. (2022). The Horrors of the Body: Notes on Mikhail Bakhtin and the Images of the Grotesque Body. Russian Journal of Bakhtin Studies, 4(1).
    Verfügbar unter:
    https://bakhtiniada.ru/2658-5480/article/view/264992
  • Semi, G. N., & Antonova-Ünlü, E. (2024). Translating adult-oriented humour in children’s animated movies from English into Turkish: A corpus-based study. Meta: Journal des traducteurs, 69(1), 131–154. Verfügbar unter:
    https://www.erudit.org/en/journals/meta/2024-v69-n1-meta09627/1113944ar/
  • Tobin, E. R. (2022). Hit Them Where It Hurts: Self-Deprecating Humor in Adult Animation as a Stress Coping Mechanism (Masterarbeit). Temple University. Verfügbar unter: https://scholarshare.temple.edu/bitstreams/3c82bf81-f6c0-4480-8f15-23a4e1ec13c4/download
  • Ye, B., Yin, R., & Li, G. (2023). The aesthetics of violence in “adult-oriented” Chinese animation. Art and Performance Letters, 4(8), 71–76. Verfügbar unter: https://www.clausiuspress.com/article/8801.html
  • Ngai, S. (2012). Our Aesthetic Categories: Zany, Cute, Interesting. Cambridge, MA: Harvard University Press. Verlagsseite: https://www.hup.harvard.edu/books/9780674088122
  • Das angesprochene neue Album von Wolfram findet ihr hier auf Bandcamp:
    https://phasenmensch.bandcamp.com/album/love-songs

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